Ölpreis-unsicherheit: investoren erwarten längere störung im hormus

Die fragile Hoffnung auf eine baldige Deeskalation im Nahen Osten und die Wiedereröffnung der Hormus-Straße ist einer neuen Welle der Unsicherheit erlegen. Die Verhandlungen zwischen den USA und dem Iran stocken, und die Finanzmärkte reagieren prompt. Goldman Sachs hat seine Investoren befragt – das Ergebnis ist brisant: Die meisten erwarten, dass der Ölfluss durch die strategisch wichtige Meerenge auch nach Ende Juni beeinträchtigt bleiben wird. Ein beachtlicher Anteil von 43 Prozent sieht keine Normalisierung vor Juli.

Die angst vor einer dauerhaften angebotsunterbrechung

Die anhaltende Pattsituation in den Verhandlungen treibt Investoren in die Arme der Worst-Case-Szenarien. Der Hormus ist ein zentraler Flusspfeiler für rund ein Fünftel der weltweiten Öl- und Flüssiggaslieferungen, und seine faktische Sperrung seit Kriegsbeginn im Februar hat bereits einen beispiellosen Angebotsrückschlag ausgelöst. Die großen Ölkonzerne warnen unisono, dass die Auswirkungen des Konflikts mit dem Iran noch monatelang spürbar sein werden, selbst wenn die Straße wieder freigegeben wird.

Europas energie-wendepunkt?

Europas energie-wendepunkt?

Doch inmitten der düsteren Nachrichten zeichnet sich ein unerwarteter Lichtblick ab. Goldman Sachs Research prognostiziert, dass die Energiekrise den entscheidenden Katalysator für eine beschleunigte Elektrifizierung Europas liefern könnte. Laut Alberto Gandolfi, Chefanalyst für europäische Versorgungsunternehmen bei Goldman, wird die steigende Elektrifizierung den Stromverbrauch in Europa jährlich um 1,5 bis 2 Prozent erhöhen, verstärkt durch den wachsenden Bedarf an Künstlicher Intelligenz (KI). Bis zum Ende des Jahrzehnts könnte sich dieser Wert auf 2 bis 4 Prozent steigern – und in einem Szenario der „Hyper-Elektrifizierung“ sogar auf bis zu 5 Prozent jährlich ab 2030.

Die gewinner und verlierer der krise

Die gewinner und verlierer der krise

Während die Preise für Strom in Italien, Deutschland und Großbritannien in die Höhe schießen, profitieren Länder wie Spanien, Frankreich und die skandinavischen Staaten von ihrem hohen Anteil an erneuerbaren Energien und Kernkraft. Die aktuelle Krise verschärft die regionalen Preisunterschiede in Europa deutlich, wie Gandolfi betont. Die benötigten Investitionen in die Stromerzeugung könnten sich in den nächsten zehn Jahren auf 2 Billionen Euro belaufen – das Dreifache der Ausgaben der letzten Dekade. Zieht man die Modernisierung der Netze hinzu, steigen die Gesamtinvestitionen in die Elektrifizierung auf 3,5 Billionen Euro. Erneuerbare Energien werden dabei die Hauptrolle spielen, während die Kernenergie möglicherweise eine strategische Renaissance erlebt.

Die Europäische Kommission hat bereits Ende April gewarnt: Die Krise ist ein deutliches Signal, die Elektrifizierung zu beschleunigen und die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen zu reduzieren. Die Stunde der Energie-Transformation ist gekommen – und sie wird teuer.